Europa gegen Visa und Mastercard: Entsteht eine eigene Zahlungsinfrastruktur?

Europa besitzt eine gemeinsame Währung, einen einheitlichen Zahlungsraum und leistungsfähige Banken. Beim digitalen Bezahlen ist der Kontinent trotzdem stark von internationalen Kartensystemen und außereuropäischen Technologiekonzernen abhängig.
Diese Abhängigkeit ist nicht nur eine Frage von Gebühren. Zahlungssysteme entscheiden darüber, welche technischen Regeln gelten, wo Daten verarbeitet werden, wer Zugang zum Markt erhält und welche Infrastruktur auch in einer Krise verfügbar bleibt.
Nun entsteht Bewegung: Euro-Echtzeitüberweisungen sind im Euroraum zur Grundfunktion geworden. Die europäische Bankeninitiative EPI baut mit Wero eine gemeinsame Wallet auf. Parallel arbeitet das Eurosystem am digitalen Euro.
Das klingt nach einem europäischen Gegenentwurf zu Visa und Mastercard. Tatsächlich handelt es sich aber um drei verschiedene Ebenen, die erst zusammenspielen müssen, bevor daraus eine echte Alternative entsteht.
Auf einen Blick
- Internationale Kartensysteme wickelten 2022 nach Angaben der Europäischen Zentralbank rund 61 Prozent der Kartenzahlungen im Euroraum ab.
- 13 Länder des Euroraums waren bei Kartenzahlungen vollständig auf internationale Systeme angewiesen.
- Instant Payments bilden eine schnelle europäische Kontoinfrastruktur, aber noch kein vollständiges Bezahlprodukt für Handel und Verbraucher.
- Wero ist eine privatwirtschaftliche Wallet europäischer Banken und Zahlungsdienstleister auf Basis von Konto-zu-Konto-Zahlungen.
- Der digitale Euro wäre öffentliches Zentralbankgeld in digitaler Form, ist aber noch nicht beschlossen oder ausgegeben.
- Karten werden nicht kurzfristig verschwinden. Entscheidend sind Akzeptanz, Komfort, Käuferschutz und ein tragfähiges Geschäftsmodell.
Europas Kartenabhängigkeit ist messbar
Kartenzahlungen sind die dominierende elektronische Bezahlmethode in der Europäischen Union. Nach einem Bericht der Europäischen Zentralbank entfielen 2023 rund 70 Milliarden Zahlungen und damit 54 Prozent aller unbaren Transaktionen auf Karten.
Gleichzeitig verlieren nationale Kartensysteme an Bedeutung. 2022 wurden rund 61 Prozent der Kartenzahlungen im Euroraum über internationale Systeme abgewickelt. 13 Euro-Länder verfügten über keine eigenständige nationale Alternative für Kartenzahlungen. Bei grenzüberschreitenden Transaktionen ist die Abhängigkeit noch größer, weil nationale Systeme meist nur im Heimatmarkt funktionieren.
Visa und Mastercard werden in dem EZB-Bericht nicht als Sicherheitsproblem dargestellt. Ihre Systeme funktionieren weltweit, sind bei Verbrauchern etabliert und bieten Händlern eine große Reichweite. Die strategische Frage lautet vielmehr: Sollte ein Wirtschaftsraum dieser Größe im digitalen Alltag nahezu vollständig auf Infrastrukturen angewiesen sein, deren Regeln und zentrale Eigentümerstrukturen außerhalb Europas liegen?
Die unbequeme Antwort ist: Europa hat lange gemeinsame Standards geschaffen, aber kein gemeinsames Produkt, das Verbraucher im gesamten Euroraum selbstverständlich nutzen.
Baustein 1: Instant Payments liefern die Schienen
Seit dem 9. Oktober 2025 müssen Zahlungsdienstleister im Euroraum, die gewöhnliche Euro-Überweisungen anbieten, grundsätzlich auch ausgehende Echtzeitüberweisungen ermöglichen. Eingehende Echtzeitüberweisungen waren bereits seit Januar 2025 verpflichtend.
Der Betrag erreicht das Empfängerkonto in der Regel innerhalb von höchstens zehn Sekunden. Das System arbeitet 24 Stunden am Tag, auch an Wochenenden und Feiertagen. Eine Echtzeitüberweisung darf nicht teurer sein als eine vergleichbare normale Überweisung.
Damit existiert eine europaweit regulierte Grundlage für schnelle Konto-zu-Konto-Zahlungen. Händler könnten Zahlungen unmittelbar bestätigen, Waren schneller freigeben und Liquidität sofort erhalten. Technisch kann die Überweisung damit in Situationen vordringen, die bislang von Karten dominiert werden.
Aber eine Schiene ist noch kein Fahrzeug. Ein Händler benötigt eine nutzerfreundliche Bezahloberfläche, eine eindeutige Zahlungsbestätigung, technische Integration, Erstattungsprozesse und Lösungen für Streitfälle. Verbraucher erwarten darüber hinaus Komfort und Schutzmechanismen, die sie von Karten oder etablierten Wallets kennen.
Instant Payments schaffen also die Infrastruktur. Sie schaffen noch nicht automatisch die Marke und das Nutzungserlebnis.
Baustein 2: Wero soll aus Konten ein Bezahlprodukt machen
Genau hier setzt Wero an. Die Wallet wird von der European Payments Initiative, kurz EPI, getragen. Hinter EPI stehen europäische Banken und Zahlungsdienstleister. Wero basiert auf direkten Konto-zu-Konto-Zahlungen und nutzt Echtzeitüberweisungen als technische Grundlage.
Seit 2024 ist Wero für Zahlungen zwischen Privatpersonen in Deutschland, Frankreich und Belgien verfügbar. In Deutschland starteten Ende 2025 Zahlungen im Onlinehandel; Frankreich und Belgien folgten schrittweise 2026. Nach Angaben von EPI erreichte Wero im April 2026 rund 53 Millionen Nutzer. Diese Zahl stammt vom Anbieter selbst und beschreibt nicht automatisch die Zahl regelmäßig aktiver Nutzer.
EPI plant weitere Funktionen für den stationären Handel, Zahlungen an Unternehmen, wiederkehrende Zahlungen und die Einbindung von Bonusprogrammen. Zudem sollen bestehende nationale Verfahren wie Payconiq in Luxemburg und iDEAL in den Niederlanden eingebunden oder migriert werden.
Wero verfolgt damit einen anderen Ansatz als eine neue europäische Karte: Der Kunde bezahlt über sein Bankkonto, aber in einer gemeinsamen europäischen Nutzeroberfläche. Der Händler erhält eine digitale Zahlungsmethode, die ohne klassische Kartenkette auskommen kann.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Europa hätte eine private, kontobasierte Lösung mit eigener Marke und grenzüberschreitender Reichweite. Die Schwäche ist ebenso klar: Ein Netzwerkeffekt entsteht erst, wenn genügend Banken, Händler und Verbraucher gleichzeitig teilnehmen.
Baustein 3: Der digitale Euro wäre öffentliches Geld
Der digitale Euro wird häufig mit Wero verwechselt. Beide Projekte sind jedoch grundverschieden.
Wero ist ein privatwirtschaftliches Bezahlverfahren. Guthaben verbleibt grundsätzlich auf Bankkonten, während die Wallet die Zahlung auslöst. Der digitale Euro wäre dagegen eine digitale Form von Zentralbankgeld – vergleichbar mit Bargeld, nur elektronisch nutzbar.
Nach dem derzeitigen Konzept soll der digitale Euro Bargeld ergänzen, nicht ersetzen. Verbraucher könnten ihn für Online- und Offlinezahlungen nutzen. Banken und andere zugelassene Zahlungsdienstleister sollen eine zentrale Rolle bei der Verteilung und beim Kundenzugang übernehmen.
Beschlossen ist die Einführung noch nicht. Die europäische Gesetzgebung muss zunächst den rechtlichen Rahmen schaffen; anschließend entscheidet die EZB, ob der digitale Euro tatsächlich ausgegeben wird.
Die EZB nannte im März 2026 als Arbeitsannahme eine mögliche erste Ausgabe im Jahr 2029, sofern die erforderliche EU-Verordnung 2026 verabschiedet wird. Für die zweite Jahreshälfte 2027 ist ein zwölfmonatiger Pilot mit ausgewählten Zahlungsdienstleistern, Händlern und realen Transaktionen vorgesehen.
Der digitale Euro ist deshalb kein unmittelbar verfügbarer Wettbewerber für Visa, Mastercard oder PayPal. Er ist ein langfristiges Infrastrukturprojekt.
Drei Systeme, drei unterschiedliche Aufgaben
| BAUSTEIN | TRÄGER | FUNKTION | AKTUELLER STAND |
|---|---|---|---|
| Instant Payments | Europäische Regulierung, Banken und Zahlungsdienstleister | Zahlung in Sekunden zwischen Konten | Im Euroraum flächendeckend vorgeschrieben |
| Wero | EPI und teilnehmende Institute | Gemeinsame Wallet und Bezahloberfläche | P2P verfügbar, Handel wird schrittweise ausgebaut |
| Digitaler Euro | Eurosystem und EU-Gesetzgeber | Digitales Zentralbankgeld | Vorbereitung; Pilot ab 2027 geplant, mögliche Ausgabe 2029 |
Die Projekte konkurrieren nicht zwingend miteinander. Instant Payments können Wero transportieren. Der digitale Euro könnte später in Bank-Apps und private Wallets integriert werden. Die EZB betont ausdrücklich, dass der digitale Euro private europäische Lösungen ergänzen und deren europaweite Reichweite unterstützen soll.
Die Strategie lautet somit nicht: Der Staat baut eine App und verdrängt alle anderen. Europa versucht vielmehr, öffentliche Infrastruktur, Regulierung und private Produkte miteinander zu verbinden.
Warum Visa und Mastercard trotzdem nicht verschwinden
Karten bieten mehr als die technische Übertragung von Geld. Sie verbinden weltweite Akzeptanz, standardisierte Händlerprozesse, wiederkehrende Zahlungen, Reservierungen, Rückerstattungen und etablierte Regeln für Reklamationen.
Ein europäisches System muss deshalb mindestens vier Hürden überwinden.
1. Akzeptanz
Ein neues Bezahlverfahren ist nur attraktiv, wenn es bei vielen Händlern funktioniert. Händler integrieren es wiederum nur, wenn genügend Kunden danach fragen.
2. Nutzerkomfort
Die Zahlung muss mindestens so einfach sein wie eine gespeicherte Karte oder eine etablierte Smartphone-Wallet. Technische Souveränität allein überzeugt an der Kasse kaum jemanden.
3. Schutz und Rückabwicklung
Eine Echtzeitüberweisung ist grundsätzlich nicht widerruflich. Verbraucher benötigen verständliche Prozesse für nicht gelieferte Waren, doppelte Zahlungen, Betrug und Erstattungen. Ohne vergleichbaren Käuferschutz kann Geschwindigkeit zum Nachteil werden.
4. Grenzüberschreitende Reichweite
Visa und Mastercard funktionieren weit über Europa hinaus. Ein europäisches System muss zunächst den eigenen Binnenmarkt schließen, ohne internationale Nutzbarkeit völlig aus dem Blick zu verlieren.
Was Händler und Zahlungsanbieter daraus ableiten sollten
Die Entwicklung ist noch kein Grund, bestehende Kartenakzeptanz abzuschalten. Sie ist aber ein Grund, die eigene Zahlungsstrategie breiter aufzustellen.
Händler sollten prüfen, ob ihre technische Infrastruktur kontobasierte Echtzeitzahlungen zusätzlich zu Karten aufnehmen kann. Dabei zählen nicht nur Transaktionspreise, sondern auch Conversion, Zahlungsausfälle, Rückabwicklung, Betrugsprävention und Abstimmung mit Buchhaltung und Kundenservice.
Für Banken und Zahlungsanbieter verschiebt sich der Wettbewerb. Wer bisher hauptsächlich Konten bereitgestellt hat, kann über Wallets und Instant Payments wieder näher an den Bezahlmoment rücken. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Verfügbarkeit, Empfängerüberprüfung, Betrugsmonitoring und Echtzeitverarbeitung.
Die Zahlungsstrategie des Eurosystems vom März 2026 geht deshalb über den Einzelhandel hinaus. Sie umfasst auch Geschäftskundenzahlungen, grenzüberschreitende Transaktionen, Tokenisierung und die Rolle von Zentralbankgeld. Ziel ist ein robusteres, autonomeres und zugleich wettbewerbsfähigeres europäisches Zahlungssystem.
Ist das wirklich „Europa gegen Visa und Mastercard“?
Als Schlagzeile trifft die Formulierung den politischen Konflikt. Als Marktanalyse greift sie zu kurz.
Europa verbietet internationale Kartensysteme nicht und baut auch keinen einzelnen staatlichen Konkurrenten. Stattdessen soll ein zusätzliches Ökosystem entstehen: europäische Zahlungsschienen, private Wallets und möglicherweise digitales Zentralbankgeld.
Der Erfolg wäre nicht daran zu messen, ob Visa und Mastercard verschwinden. Entscheidend ist, ob europäische Verbraucher und Händler eine echte Wahl erhalten – und ob mindestens eine europäisch gesteuerte Lösung grenzüberschreitend relevant wird.
Fazit
Europa verfügt heute über bessere Voraussetzungen für eine eigene digitale Zahlungsinfrastruktur als noch vor wenigen Jahren. Instant Payments sind regulatorisch verankert. Wero übersetzt die Banküberweisung in ein verbrauchernahes Bezahlprodukt. Der digitale Euro könnte langfristig eine öffentliche Grundlage ergänzen.
Doch Infrastruktur, Produkt und Akzeptanz sind drei verschiedene Dinge. Europa hat die Schienen gelegt und baut erste Fahrzeuge. Ob daraus ein Netz entsteht, entscheidet sich an der Ladenkasse und im Onlinehandel – nicht in Strategiepapieren.
Visa und Mastercard werden auf absehbare Zeit zentrale Akteure bleiben. Neu ist, dass Europa erstmals ernsthaft versucht, daneben eine eigene, grenzüberschreitende Alternative aufzubauen.
Quellen
- Europäische Zentralbank: Abhängigkeit der EU von internationalen Kartensystemen, 28. Februar 2025, abgerufen am 11. September 2026
- Europäische Zentralbank: Umfassende Strategie für die Zukunft des europäischen Zahlungsverkehrs, 31. März 2026
- Europäische Kommission: Neue Regeln für Euro-Echtzeitüberweisungen, 10. Oktober 2025
- European Payments Initiative: Einführung von Wero im französischen Onlinehandel, 20. April 2026
- Europäische Kommission: Der digitale Euro, abgerufen am 11. September 2026
- Europäische Zentralbank: Stand und Zeitplan des digitalen Euro, 6. März 2026
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